Michael Link zur Geschichte der Wünschelrute PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, 22 Mai 2008

Der GWUP-Themenartikel zu Erdstrahlen gibt an, man könne die Wünschelrutentechniken bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen. In einem Kommentar zum GWUP Artikel zu Erdstrahlen auf einer persönlichen Wikipedia Seite wird behauptet, praktisch die gesamte Wissenschaft sei anderer Auffasung, als die GWUP. Unter anderem wird auf die Gebrüder Grimm verwiesen, die nach Ansicht des Kritikers den Gebrauch des deutschen Wortes für das 13. Jahrhundert belegen. Es wird ferner behauptet, die GWUP interessiere sich für "solche Nuancen um Jahrhunderte oder gar Jahrtausende verständlicherweise nicht. ihr geht es ja vor allem um eins: Wünschelruten funktionieren nicht!! Da ist alles andere natürlich egal."

STELLUNGNAHME Michael Link (Dipl.-Geologe, Bamberger Spezialbibliothek Radiästhesie)

In der heutigen Wünschelrutenliteratur wimmelt es von Behauptungen, die versuchen, Radiästhesie als (ur)alte Kulturtechnologie hinzustellen. Das Grundprogramm wird hier von Autor zu Autor relativ kritiklos und unhinterfragt abgeschrieben. In der Regel konzentrieren sich diese Darstellungen auf die Eckpfeiler Kaiser Yü, Moses und die Felsmalereien in der Sahara.

Nur dass der chinesische Kaiser Dämonen (und keine Erdstrahlen) jagen ließ, Moses sicher einen massiven Wanderstab und keine Haselrute durch den Sinai schleppte und von den Malereien in der Tassili einfach nirgendwo aussagekräftige Abbildungen aufzutreiben sind. Es handelt sich hier im Wesentlichen um eine Pseudohistorie, deren Mechanismus am schönsten Ambrose Bierce in "Des Teufels Wörterbuch" im Eintrag "Freimaurer" darstellt:

"FREEMASONS, n. An order with secret rites, grotesque ceremonies and fantastic costumes [...]. Its emblems and symbols have been found in the Catacombs of Paris and Rome, on the stones of the Parthenon and the Chinese Great Wall, among the temples of Karnak and Palmyra and in the Egyptian Pyramids - always by a Freemason."

Entsprechend ist eine gewisse Vorsicht angemessen bei Quellen, die den Beginn der Radiästhesie ohne handfeste Belege ins Neolithikum, in die Antike oder wo auch immer verorten.

Was ernsthaft übrigbleibt, ist für die Zauberstäbe und Ruten ein fließender Übergang von antiken magischen Vorstellungen, die mit Stäben (Merkurstab) zu tun haben, hin zur mittelalterlichen Stabmagie, bis hin zu den ersten tragfähigen Belegen für Wünschelruten im heutigen Sinne (= Wünschelruten im Sinne von dem, was nach Gegenstand und Funktion ein heutiger Radiästhet darunter versteht).

Der erste eindeutige Bildbeleg datiert auf 1420: eine Abbildung in einer Wiener Handschrift. Die allererste textliche Erwähnung stammt von Paracelus (1493-1541, für die Textstelle habe ich keine gesicherte Jahreszahl, da der Huser-Band erst 1590 verlegt wurde): "Wünschelruten haben viel Bergleut betrogen und sind unter zehnmal kaum einmal wahr." (zitiert nach KLINCKOWSTROEM, C. v. & MALTZAHN, R. v., 1931). Auch die ersten ausführlichen Beschreibungen bei AGRICOLA (1556) deuten nun nicht zwingend auf eine uralte oder besonders bewährte oder auch nur angesehene Technologie hin.

Und davor?

Nicht uninteressant ist als textliche Referenz aus dem 12. Jh. eine Erwähnung im Nibelungenlied (wunsciligerta), die nach den mir bekannten Textinterpretationen (einschließlich GRIMM) eindeutig als magisches Heilsobjekt, als Verbindungselement der germanischen Götterwelt mit dem Merkurstab, nicht jedoch als technische Wünschelrute gesehen wird.

Im 13. Jh. beschreibt Konrad von Würzburg eine schöne Helena mit den Worten "aufrecht und gerade im Gang, lieblich wie eine wunschelgerta" (zitiert nach BIRD C. 1987: Handbuch der Wünschelrute). Die Dame mag als schlanke "Wunschrute" ein hübscher und zweifelsohne begehrenswerter Anblick gewesen, aber daraus einen Beleg für Radiästhesie abzuleiten, erscheint mir doch sehr gewagt.

Wenn ich jetzt mal in den als Gegenreferenz angeführten GRIMM reingucke, da wird strikt unterschieden in
  1. "1) im mhd. ein stab, mit dessen hilfe auszerordentliches geleistet oder bewirkt werden kann.", Textbelege ab dem 13. Jhrd. und
  2. "2) im nhd. die von bestimmten sträuchern geschnittene meist gabelförmige rute zum aufspüren von erzen, wasseradern und überhaupt verborgenen dingen."

Die Textbelege für 2) = Wünschelrute sensu stricto datieren auf ., aber sehet selber unter DWB, Suchwort Wünschelrute (Suchmaske *links!*)

Der GRIMM belegt somit das Wort als solches im 13. Jh., belegt aber damit gleichzeitig in diesem Zeitraum eine Wortbedeutung eher weit weg vom heutigen Wort "Wünschelrute" bzw. (siehe beanstandeter GWUP-Text) konkret von der "Technik, verborgene Gegenstände oder Strukturen mit der Wünschelrute aufspüren zu wollen".

(Das heutige Wort "Wünschelrute" ist hier natürlich gemeint im Begriffsrahmen der Radiästhesie. Daneben existiert eine sexuelle Zweit-Wortbedeutung, siehe z.B. ZWILLING M. [Hg.] (1972): Wünschelrute. Inwieweit diese heutige und für das Lemma nachrangige Wortbedeutung von "Wünschelrute" mögliche Anspielungen der Texte aus dem 13. Jh. reflektiert - vgl. GRIMM, Definition für Eintragsgruppe 1), s. o. - , entzieht sich meiner Kenntnis. Es zeigt uns aber zumindest, dass nicht in jedem Textelement "Wünschelrute" zwangsläufig die Wünschelrute drin ist, die wir als Erforscher der Radiästhesie darin erwarten.)

Man kann natürlich jeden Schamanen, der zum Weissagen Weidenruten oder andere Stöckchen verwendete, posthum als Wünschelrutengänger deklarieren. Wer so argumentiert, der findet von den Skythen (bei Herodot) über die Hunnen bis zu den Maoris reiche Beute. Diese "Belege" kranken durchgehend daran, dass diese Rituale oder Anwendungen einfach nichts mit der radiästhetischen Vorstellung vom psychotechnischen Feinst-Instrument zum Wassersuchen etc. zu tun haben.

Noch dürftiger ist es übrigens mit den Pendeln: Da finden sich in der römischen Antike und im Umfeld der Renaissance ein paar wenige Anekdoten zur Verbrecherjagd mittels an einem Faden aufgehangener Ringe, aber ansonsten bleibt es bis zur Popularisierung durch Goethe (in "Wahlverwandtschaften") zappenduster - von volkstümlicher Technologie keine Spur. Das sei am Rande erwähnt, weil in einer musealen Hexenausstellungen vor einigen Jahren tatsächlich Pendeln als mittelalterliche Hexentechnologie dargestellt wurde.

FAZIT: Wenn wir uns darauf verständigen können, dass nicht jeder schamanistisch verwendete Weidenzweig automatisch eine Wünschelrute im Sinne der Radiästhesie ist, dann reicht - wie im GWUP-Text beschrieben -  die Technik als solche bis ins 15. Jh. zurück. Eventuelle Vorläufer sind durchgehend nicht eindeutig bzw. grundsätzlich in einem anderen magischen Vorstellungssystem zu sehen, von einer früheren Wünschelrutentechnik kann somit nicht die Rede sein.

Die Löschung des Verweises auf den Themenartikel der GWUP aufgrund fachlicher Mängel ist somit nicht begründet und zurückzunehmen.

Ich empfehle im Übrigen grundsätzlich, für diese Betrachtungen keine zufälligen Internet-Fundstückchen anzuschleppen, deren fachlicher Hintergrund bisweilen nur bedingt nachvollziehbar ist, sondern auf die echte Basisliteratur zu verweisen - in dem Fall: betagt, aber jeweils gut:

KLINCKOWSTROEM, C. v. & MALTZAHN, R. v. (1931) : Handbuch der Wünschelrute - Geschichte, Wissenschaft, Anwendung. Und speziell für Pendel: OELENHEINZ, L. (1920): Der Wünschelring.

Die Autoren waren übrigens keine scheuklappigen Skeptiker, sondern aktive Muter aus einer Ära, wo die Proponenten Radiästhesie noch als ein mit Sorgfalt zu klärendes wissenschaftliches Rätsel gesehen haben. Klinckowstroem betrieb die Recherche nach alter Wünschelliteratur als Lebensaufgabe und legte bereits 1912 eine umfassende Bibliographie zum Thema vor: Klinckowstroem, C. v. (1912) Bibliographie der Wünschelrute seit 1910 und Nachträge (1610-1909). In: Schriften des Verbandes zur Klärung der Wünschelrutenfrage, Heft 3.

P.S.:

Wenn mir noch eine persönliche Bemerkung zum Beitrag fossa/GWUP in der Wikipedia gestattet sei:

"Der GWUP-Artikel zu Erdstrahlen behauptet, man könne die Wünschelrutentechniken ‚bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen’. Anderer Auffassung ist praktisch die gesamte Wissenschaft:" Ich habe jetzt über die Jahre so knapp über fünf laufende Meter Literatur zum Thema Radiästhesie angesammelt, habe hier die ganz Skala von naiv-esoterischen Schwachfug bis hin zu ernsthaften und gründlichen Auseinandersetzungen mit dem Thema durch Natur- und Geisteswissenschaftlern herumstehen. Ich kann auch bei wohlmeinendster Interpretation der Datenlage absolut nicht nachvollziehen, dass hier "praktisch die gesamte Wissenschaft anderer Meinung" sein soll. Diese Behauptung ist falsch.
Kommentare
Neuer KommentarSuche
Nur registrierte Benutzer können Kommentare schreiben!

Copyright (C) 2007 Alain Georgette / Copyright (C) 2006 Frantisek Hliva. All rights reserved.

Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 28 Mai 2008 )
 
RocketTheme Joomla Templates